Bismillāhi ar-Raḥmāni ar-Raḥīm, al-ḥamdu lillāhi Rabbil-ʿālamīn, waṣ-ṣalātu wa-s-salāmu ʿalā nabiyyinā Muḥammad, wa ʿalā ālihi wa ṣaḥbihi ajmaʿīn

Zionismus als Realprojekt jüdischer Theologie

Sich kritisch mit dem modernen Kolonialprojekt der zionistischen Bewegung auseinanderzusetzen reicht nicht aus, da der Ursprung dieser Ideen viel tiefer liegt.

Autor: Sulayman  
Datum: 10.08.2025

Ein kurzer Rückblick

Heutzutage haben die meisten Menschen von der jüngeren Geschichte des Zionismus gehört, darunter von Persönlichkeiten wie Theodor Herzl, David Ben-Gurion, Chaim Weizmann und historischen Ereignissen wie der Belfort-Deklaration oder der Nakba, welche zur Gründung und Expansion des zionistischen Staates führten. Was hat jedoch die Begründer des modernen Zionismus dazu inspiriert, ihre Ziele zu verfolgen? Was ist ihr langfristiger Plan und ihre Inspiration?

Biblische Ansätze des Zionismus

Zionismus selbst ist eine aktionistische Realisierung jüdischer Glaubenslehre und nicht eine rein kolonialistische Bewegung von „weißen“ Europäern, wozu es gerne von Linken reduziert wird. Bereits in der jüdischen Thora wird von einer Rückkehr ins gelobte Land gesprochen.

„Denn ich werde euch aus den Völkern herausnehmen und euch aus allen Ländern sammeln und euch in euer eigenes Land bringen … und ihr werdet in dem Land wohnen, das ich euren Vätern gegeben habe.“

(Ezechiel 36,24–28)
„Und ich werde die Gefangenschaft meines Volkes Israel zurückbringen … sie werden die zerstörten Städte wieder aufbauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und Wein trinken; sie werden auch Gärten anlegen und von ihren Früchten essen. Und ich werde sie auf ihrem Land pflanzen, und sie werden nicht mehr entwurzelt werden aus dem Land, das ich ihnen gegeben habe.“

(Amos 9,14–15)

Wenn man das (christliche) neue Testament sowie den Quran nicht anerkennt (wie es die jüdische Glaubenslehre voraussetzt), dann ist die Rückkehr der eigenen religiösen Gemeinschaft ein vorbestimmtes Programm. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist nur: Wie? Durch Aktivismus oder Warten auf göttliche Leitung?

Interpretation durch religiöse Autoritäten

Das aus jüdischer Sicht korrekte Verständnis der Thora lässt sich durch Talmud, Kabbala und führende Gelehrte wie Maimonides („RaMBaM“) am besten interpretieren. Was sagen also diese Quellen zum Leben der jüdischen Gemeinschaft in Israel bzw. Palästina?

„Alle dürfen ihre Familie zwingen, nach Eretz Yisrael aufzusteigen, d. h. man darf seine Familie und seinen Haushalt zwingen, nach Eretz Yisrael auszuwandern, aber niemand darf andere aus Eretz Yisrael entfernen, da man seine Familie nicht zwingen darf, das Land zu verlassen. Ebenso darf jeder seine Familie zwingen, nach Jerusalem aufzusteigen, und niemand darf sie aus Jerusalem wegbringen, d. h. niemand darf sie aus Jerusalem wegbringen. Sowohl Männer als auch Frauen dürfen ihren Ehepartner zwingen, nach Eretz Yisrael auszuwandern oder nach Jerusalem zu ziehen. (...)
Die Mischna lehrt: Alle dürfen andere zwingen, nach Jerusalem aufzusteigen. Die Gemara fragt erneut: Welchen Fall umfasst dieser Satz? Die Gemara antwortet: Er umfasst einen Umzug von einem angenehmen Wohnort anderswo in Eretz Yisrael zu einem unangenehmen Wohnort in Jerusalem.„Und ich werde die Gefangenschaft meines Volkes Israel zurückbringen … sie werden die zerstörten Städte wieder aufbauen und bewohnen; sie werden Weinberge pflanzen und Wein trinken; sie werden auch Gärten anlegen und von ihren Früchten essen. Und ich werde sie auf ihrem Land pflanzen, und sie werden nicht mehr entwurzelt werden aus dem Land, das ich ihnen gegeben habe.“

(Talmud, Ketubot 110b:)

Diese Talmudstelle legt einen spirituellen Wert im Wohnen im Raum Israel, vorzugsweise Jerusalem sehr nahe. So sehr sogar, dass man seine jüdische Familie zwingen darf, dort zu leben. Und der unangenehme Ort in Jerusalem ist (spirituell) besser, als der angenehme Ort anderswo. Also durchaus proto-zionistisch.

Maimonides stellt den Aufbau einer Nation in den Mittelpunkt seines messianischen Programms, wie er es in dem oft übersehenen langen Vorwort zu seinen 13 Grundsätzen darlegt. Dort legt er fest, dass „die Souveränität in Israel wiederhergestellt wird und es eine Rückkehr nach Israel geben wird ... und das Herz des Königreichs wird in Zion sein“. Die nationale Unabhängigkeit, schreibt er, könne nur auf natürliche Weise zustande kommen, da „sich an der gegenwärtigen Realität nichts ändern wird, außer dass es in Israel Souveränität geben wird“. Darüber hinaus befürwortet er politischen Aktivismus anstelle des geduldigen „Wartens“ der berühmten anonym verfassten liturgischen Version seiner 13 Grundsätze, dem „Ani Ma'amin“.

(James A. Diamond, jewishreviewofbooks.com)

Somit wirkt auch der wichtige jüdische Gelehrte Maimonides von einer zionistischen Bewegung geträumt zu haben. Auch der sehr einflussreiche Kabbala-Gelehrte Isaac Luria hat im 16. Jahrhundert die Ansichten vertreten, dass das jüdische Volk im Exil sein musste, bis es seine Seelenreinigung (Tikkum) vollbracht habe, um dann nach Israel zurückzukehren. Er hatte auch die Ansicht, dass es nach 1500 Jahren Exil bald zur Rückkehr kommen sollte (Quelle Isaac Luria: A Central Figure in Jewish Mysticism Gershom Scholem). Spätere Denker wie Moses Hess und Theodor Herzl haben diesen Prozess dann in die heutige moderne Form des Zionismus geformt.

Resümee zur religiösen Realität des Zionismus

Am Ende des Tages ist der jüdische Zionismus nicht einfach eine Kolonialbewegung, angelehnt an europäische Großmächte des 19. Jahrhunderts, sondern eine hochgradig religiöse Bewegung. Denn wenn man die Thorastellen mit Talmud, Maimonides und Kabbalah addiert, entsteht als Summe dieser Rechnung früher oder später der zionistische Gedanke. Und meine Intention ist gerade an Anhänger der Pro-Palästina Bewegung zu sagen: Das Problem ist nicht einfach eine politische Neuerscheinung der letzten hundert Jahre, sondern vielmehr das Ergebnis einer religiösen Entwicklungsgeschichte. Die Angst, rationale und sachliche Kritik an der Religion Judentum zu veräußern, muss somit endgültig überwunden werden. Gleichzeitig sollte eine solche Kritik aber nicht in Rassismus gegen Judentum als ethnische Identität münden, sondern sich auf die religiösen Ideen des Judentums beziehen.